Wenn Kinder zu Pflegenden werden

Wenn ein Elternteil schwer krank wird, verändert sich das Leben in der Familie oft komplett. Vieles ist plötzlich nicht mehr so, wie es vorher war – und manchmal übernehmen Kinder und Jugendliche Aufgaben, die eigentlich Erwachsene machen sollten. Wir haben mit Anna gesprochen. Sie hat viele Jahre lang ihre schwer erkrankte Mutter begleitet und dabei früh erfahren, was es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und über sich hinauszuwachsen.

Anna war noch keine zwei Jahre alt, als ihre Mutter an Multipler Sklerose erkrankte. "Ich kenne das eigentlich gar nicht anders" sagt sie heute. Schon in der Volksschule stützte sie ihre Mutter auf dem Weg zur Schule, "damit sie nicht umfällt".

Mit den Jahren kamen immer mehr Aufgaben hinzu: Einkaufen, Medikamente holen, Essen besorgen, emotionale Unterstützung, Erste Hilfe im Notfall leisten.

"Durch die massive Belastung zu Hause habe ich Angstzustände und Schlafprobleme entwickelt, ich habe mich selbst verletzt. Für meine Gefühle gab es keinen Platz. Ich musste funktionieren."

Während ihre Mutter zunehmend eingeschränkt war, war der Vater kaum präsent, die älteren Brüder waren bereits ausgezogen und hatten sich zurückgezogen. Auch die weitere Familie wusste um die Krankheit der Mutter Bescheid - doch kaum jemand bot Hilfe an. "Als Jugendliche habe ich versucht, um Hilfe zu bitten. Ich war wütend, dass niemand für mich da war. Das Wegschauen war schlimmer als die Pflege selbst."

In der Schule fehlte es seitens der Lehrerende an Verständnis. Fehlstunden wurden kritisiert, ihre Situation ignoriert. "Ich war zum Glück eine sehr gute Schülerin. Ich musste ständig Prüfungen nachholen, weil ich so oft nicht anwesend war."

Wenn Vertrauen missbraucht wird

Besonders traumatisch war die Erfahrung mit einem Lehrer, der ihr zunächst Hilfe anbot, später jedoch seine Vertrauensposition ausnutzte und sich ihr gegenüber grenzüberschreitend verhielt. "Das ist auch ein Risikofaktor, der in der Zeit sehr präsent war. Ich war eine Jugendliche, von der alle wussten, dass die Mama krank ist und dass niemand richtig hinschaut", beschreibt Anna einen Aspekt, der leicht übersehen wird. Sie spricht damit etwas aus, das viele junge pflegende Angehörige betrifft: Mädchen und junge Frauen in solchen Situationen sind oft besonders vulnerabel - und gerade vermeintliche Vertrauenspersonen nutzen diese Verletzlichkeit aus.

Eine wichtige Stütze war für Sie ihr Therapeut: "Er war der erste Erwachsene, der mich gesehen hat." Er half ihr zu verstehen, dass ihre Wut durchaus berechtigt war und sie auch ein Recht darauf hatte, sich abzugrenzen. "Die Erwachsenen hätten mich schützen müssen."

Und dann kam der Wendepunkt

Mit 16 verließ Anna schließlich ihr Zuhause. Während der Covid-Pandemie verschlechterte sich der Gesundheitszustand ihrer Mutter dramatisch. Psychotische Episoden, Krankenhausaufenthalte und ein zeitweiliges Koma stellten Anna erneut vor enorme Belastungen. "Ich hatte Angst, dass sie das nicht überlebt."

Gleichzeitig hatte sie kaum Sozialkontakte und war isoliert, um ihre Mutter weiterhin besuchen zu können. Das war der Wendepunkt für Anna und ihre Mutter: Erst nach diesem massiven Grenzerfahrungen zog ihre Mutter in eine rollstuhlgerechte Wohnung und nahm professionelle Hilfe an - ein Schritt, der viel früher notwendig gewesen wäre.

Mit Hilfe einer mobilen Pflege und intensiver Physio- und Ergotherapie gewinnt sie langsam wieder ihre Selbstständigkeit zurück. Das ermöglichte es Anna, wieder eine Beziehung zu ihrer Mutter aufzubauen, die nicht ausschließlich von Verantwortung geprägt war.

Wie wäre Young Carern geholfen?

Für junge Menschen, die heute in einer ähnlichen Situation leben, hat Anna drei zentrale Empfehlungen: darüber sprechen, sich Freiräume schaffen und Grenzen setzen.

"Ich würde empfehlen, darüber zu sprechen - am besten mit Personen, die professionelle oder persönliche Erfahrungen damit haben."

Gleichzeitig rät sie zu Vorsicht bei der Wahl der Vertrauenspersonen. Wichtig sei auch ein eigener Rückzugsort, eine Tätigkeit, "die man nur für sich selbst macht, wo es nicht um Leistung geht". Und schließlich: Nein sagen dürfen. "Es ist okay, eine Grenze zu setzen."

Heute blickt die Anna reflektiert auf ihre Geschichte zurück. Bald wird die 26-Jährige ihr Psychologie-Studium abschließen. Ihre Masterarbeit schreibt sie über Young Carer, in der sie speziell den Gender-Aspekt genauer unter die Lupe nimmt. Anna spart auch nicht mit Kritik an unserem Pflegesystem und fordert mehr gesellschaftliche Verantwortung: "Pflege wird nicht als Arbeit anerkannt - weder gesellschaftlich noch finanziell. Ohne Angehörigenpflege würde das Gesundheitssystem nicht funktionieren. Und wir müssen sehen: Young Caring ist faktisch Kinderarbeit. Young Carers übernehmen Aufgaben, die eigentlich Erwachsene leisten müssten."

Ihre Geschichte zeigt eindrücklich, wie unsichtbar Young Carers oft bleiben - und wie dringend es gesellschaftliche Strukturen braucht, die sie entlasten, schützen und ernst nehmen.